Was ist „Tohuwabohu“? Und
warum nicht?
Von 1990 bis 1998 entstanden 58 Folgen der TV-Serie
„Tohuwabohu“. In der vorliegenden DVD-Box finden sich
die zwölf Folgen der ersten drei Staffeln (1990-1993)
sowie jene eigens zusammengestellte Episode, die 1992
vom ORF in den internationalen Wettbewerb um die „Goldene
Rose“ von Montreux geschickt wurde.
Handlungsrahmen und Inhalte
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Die
Handlung der Serie „Tohuwabohu“ scheint zunächst nicht
allzu kompliziert zu sein: Radio Tohuwabohu ist ein
fiktiver kleiner, dilettantischer privater Fernsehsender,
dessen Name dementsprechend Programm ist: Das zusammengesetzte
Wort „Tohuwabohu“ stammt aus dem Hebräischen und bedeutet
ursprünglich „wüst und leer“ – in diesem Sinne findet
es sich im ersten Satz der Bibel. Heute meint Tohuwabohu
umgangssprachlich eine große, wenn nicht sogar die größtmögliche
Unordnung. Der Programmchef von Radio Tohuwabohu (Lukas
Resetarits) und sein zu Beginn kleines Mitarbeiterteam
(Beatrice Frey, Jazz Gitti, Kurt Weinzierl) agieren
von einer Holzbaracke aus, später – nachdem der ORF,
die Post und die Polizei den Standort des Piratensenders
aufgespürt haben – in einem Wohnwagen, der die ständige
Flucht ermöglicht. Aufgrund maroder Finanzen ist Radio
Tohuwabohu auf willige Geldgeber angewiesen. Und tatsächlich
stellt sich ein potenzieller Financier (Franz Suhrada)
ein, der allerdings erst von der Qualität des Programms
überzeugt werden will, was jedoch der Quadratur des
Kreises entspräche. Dies ist der Auftakt einer irrwitzigen
Abfolge von „Programmausschnitten“, die zunächst demFinancier,später
auch einem Gläubigervertreter (Günter Tolar) vorgeführt
werden.
Freilich
wird diese Rahmenhandlung permanent durch Absurditäten
durchbrochen. Der Financier und der Gläubiger fungieren
z.B. selbst in den Programmen von Tohuwabohu als Schauspieler,
Sänger und Moderatoren. Darüber hinaus treten in weiterer
Folge immer neue Gaststars auf, die vom Programmchef
bzw. von der Programmchefin (Jazz Gitti), die ihren
erfolglosen Bruder schließlich ablöst, unter falschen
Versprechungen zum Sender gelockt werden. Nach jeweiligen
Probeaufnahmen werden die Gäste um ihr Honorar geprellt
und wieder vor die Tür gesetzt, womit sich Tohuwabohu
billige bzw. kostenlose Sendungen ermöglichen möchte.
Doch auch dieser Plan geht zumeist nicht auf, immer
wieder erweisen sich die Gäste als schlauer.
Der
eigentliche Inhalt abseits dieser Handlungsklammer besteht
natürlich in den vorgeblichen Programmausschnitten:
Hier gibt es unzählige Sketche, die als Krimi- oder
Arztserie, als Nachrichten- oder Sportsendung, als TV-Quiz
oder Reality-Format, als Koch-Show oder Partnervermittlungsprogramm
getarnt sind; es werden klassische Märchen in diversen
Varianten neu interpretiert, es werden Witze von fragwürdiger
Qualität erzählt und ebensolche Gedichte rezitiert;
und es gibt vor allem viele bizarre Musiknummern, die
einen Gutteil des Programmes von Radio Tohuwabohu ausmachen.
Satire als kritische Realitätsbetrachtung
Unterm Strich ist „Tohuwabohu“ genau das, als was es
Autor und Regisseur Helmut Zenker (1949-2003) selbst
im Untertitel bezeichnet hat: ein TV-Chaotikum. Oberflächlich
hat es den Anschein, als wäre es erster Vorsatz von
„Tohuwabohu“, das Publikum durch Skurrilitäten, rasante
Schnitte, rasche Szenenfolgen, ein gehöriges Maß an
Unlogik, Verfremdung und Auslassung sowie durch gezielt
geweckte und immer wieder enttäuschte Erwartungen maximal
zu verwirren. Bei genauerem Hinsehen und Reflektieren
ist „Tohuwabohu“ jedoch eine recht treffsichere Satire,
die – freilich mittels des Stilelements der wenig maßvollen
Übertreibung – die zum Teil bittere und allzu oft unfreiwillig
komische Realität des Mediums Fernsehen parodiert.
Dies
betrifft einerseits die kommerziellen Privatsender,
denen bisweilen tatsächlich kaum etwas zu billig, zu
peinlich, zu übertrieben oder zu dumm zu sein scheint.
Andererseits wird mit einer gewissen Selbstironie auch
der öffentlich-rechtliche ORF, in dessen Auftrag „Tohuwabohu“
ja produziert wurde, mit durch den Kakao gezogen. Und
nicht zuletzt nimmt sich die Sendung „Tohuwabohu“ selbst
nicht allzu ernst, wenn ganz bewusst immer wieder auf
die eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten hingewiesen
wird oder diese offen zur Schau gestellt werden.
Bemerkenswert ist auch, dass „Tohuwabohu“ bereits zu
Beginn der 1990er Jahre Tendenzen sichtbar gemacht hat,
die sich erst in den folgenden knapp 20 Jahren in der
TV-Landschaft voll ausprägen sollten. Es ist durchaus
ein gewisses ernsthaftes Maß an Kultur-, Medien- und
Gesellschaftskritik herauszulesen, wenn in „Tohuwabohu“
auf satirische Weise problematische Entwicklungen der
Unterhaltungsindustrie antizipiert werden, die uns heute
tagtäglich mittels Pseudo-Reality-TV, Gerichtssendungen,
Castingwettbewerben, Votingshows und inszenierten Promiaufläufen
serviert werden. Insofern bestand ein keineswegs irrelevanter
Ansatz von „Tohuwabohu“ darin, mittels eigener fragwürdiger
Qualität auf den allgemeinen Qualitätsverlust im Medium
Fernsehen hinzuweisen, der wiederum nur ein bloß wenig
verzerrtes Spiegelbild realer menschlicher Beziehungen
und gesellschaftlicher Verhältnisse wiedergibt, wodurch
diese – im ständig erweiterten Kreislauf – weiter ins
Entfremdete gedrängt werden.
Kontinuitäten in Zenkers TV-Schaffen
Der
kritische Anspruch, der sich hinter Witz und Anarchie
verbirgt, ist lediglich eine Kontinuität in Helmut Zenkers
Schaffen im Bereich Film und Fernsehen – dieser durchzieht
bereits die legendäre von Zenker erfundene TV-Serie
„Kottan ermittelt“, für deren 19 Folgen er von 1976
bis 1983 die Drehbücher verfasste. Überhaupt hat „Tohuwabohu“
mehr mit „Kottan“ gemein, als man vermuten möchte. Dies
betrifft zunächst die personelle Ebene: In der ersten
Staffel von „Tohuwabohu“ (Folge 1-3) agieren fünf Schauspieler
und Schauspielerinnen, von denen vier bereits in der
„Kottan“-Serie dabei waren. In den Folgen der Staffeln
2 und 3 kommen aus dem „Kottan“-Team noch C. A. Tichy
– Kottans tollpatschiger Assistent Schrammel –, Chris
Lohner – die allzu interaktive Fernsehsprecherin – und
Hans Kraemmer hinzu. Auch inhaltlich gibt es Überschneidungen
bzw. Fortführungen: Offensichtlich waren einige der
Krimi-Sketches aus „Tohuwabohu“ von Zenker für weitere,
nie gedrehte „Kottan“-Episoden vorgesehen; und auch
in „Tohuwabohu“ darf sich Kurt Weinzierl (Polizeipräsident
Heribert Pilch) wiederholt erfolglos einem Kaffeeautomaten
nähern, womit einer der bekanntesten Running Gags aus
„Kottan ermittelt“ wieder aufgenommen wird. Das markanteste
Merkmal aber, das aus „Kottan ermittelt“ übernommen
und in „Tohuwabohu“ fortgeführt und sogar ausgebaut
wird, sind die Musiknummern: Radio Tohuwabohu leistet
sich eine eigene Band (später übrigens auch einen echten
A Capella-Chor), als „Sänger“ und „Sängerinnen“ dürfen
– oder müssen – alle Gäste sowie die Standardbesetzung
immer wieder auf die Bühne und zum Playback mehr oder
minder bekannter Titel ihr Bestes geben, was ihnen doch
einigermaßen verunmöglicht wird. Denn die Playback-Auftritte
sind nicht nur ein wichtiger roter Faden von „Tohuwabohu“,
sondern auch Kristallisationspunkte des Absurden, wofür
Kostüme, Choreografie und Zenkers Musikauswahl sorgen.
Das Stichwort „Playback“ verweist übrigens auf eine
zweite Wurzel (neben „Kottan“) von „Tohuwabohu“. Unter
diesem Titel, „Playback“, schickte Zenker, der damit
seine erste Regiearbeit ablieferte, im Jahr 1989 Lukas
Resetarits durch ein Ein-Personen-Stück, das ebenfalls
für den ORF produziert wurde. „Playback“ kann als unmittelbarer
Vorläufer von „Tohuwabohu“ und als eine Art Zwischenetappe
in der Entwicklung der „Tohuwabohu“- Idee angesehen
werden. Die Gemeinsamkeiten mit Teilen der frühen „Tohuwabohu“-
Folgen sind evident und man kann wohl davon ausgehen,
dass es „Playback“ war, wodurch „Tohuwabohu“ ein Jahr
später erst ermöglicht wurde.
Die Erfolgsstory
Dass
„Tohuwabohu“ über neun Jahre hinweg eine bemerkenswerte
Erfolgsgeschichte und durchaus ein Meilenstein der ORF-Unterhaltung
werden würde, war damals, 1990, in diesem Ausmaß wohl
nicht abzusehen. Mit maßvollem Budget, eingegrenzter
Location und lediglich fünf Schauspielern gestartet,
entwickelte sich „Tohuwabohu“ bald zu einer Kultsendung
des ORF, die diesem regelmäßig Zuschauerzahlen über
der Millionengrenze bescherte. Mit diesem Erfolg wurden
auch die Möglichkeiten erweitert. Nicht zuletzt betraf
dies das schauspielerische Personal. Allein in den hier
vorliegenden 13 Folgen tritt eine ebenso illustre wie
prominente Schar an Gästen auf, darunter Bühnen- und
Fernsehlegenden wie Cissy Kraner, Fritz Muliar und Ossy
Kolmann, Sportstars wie Hans Krankl, Gerhard Berger,
Karl Schranz und Hans Orsolics, bekannte Musiker und
Sänger wie Sigi Maron, Simone, Thomas Forstner und Tony
Wegas, Ex-„Miss World“ Ulla Weigerstorfer, beliebte
ORF-Größen wie Heinz Prüller, Nora Frey, Marie-Christine
Giuliani und Andrea Honer sowie Multitalente wie Dolores
Schmidinger, Alfons Haider und Karl Pfeifer. In den
weiteren 45 „Tohuwabohu“- Folgen wurde diese Liste noch
erheblich erweitert.
„Tohuwabohu“ wurde – auch dies ist ein erwähnenswerter,
wenngleich nicht überzubewertender Teil der Erfolgsstory
– mit mehreren Preisen ausgezeichnet:
Wie eingangs erwähnt, nahm die Sendung 1992 beim Festival
um die „Goldene Rose“ („Rose d’Or“) in Montreux (Schweiz)
teil, dem weltweit größten Vergleichswettbewerb der
Fernsehunterhaltung. Die Goldene Rose wurde zwar nicht
gewonnen, inoffiziell schaute in der Hauptkategorie
jedoch ein ehrenvoller zweiter Platz unter dutzenden
Teilnehmern heraus. 1993 erhielt Helmut Zenker die „Goldene
Romy“, mit der „Tohuwabohu“ als „beste Programmidee“
prämiert wurde. Im selben Jahr wurde „Tohuwabohu“ beim
internationalen „Plattensee TV-Festival“ in Ungarn als
beste Comedy-Reihe sowie für die beste Regie ausgezeichnet,
1994 erhielt „Tohuwabohu“ den „New York Video Award“.
Bedeutung und Nachwirkung
Möchte
man abschließend ein Resümee zur Bedeutung von „Tohuwabohu“
finden, so wären mehrere Facetten anzuführen. Zweifellos
hat „Tohuwabohu“ in den frühen 1990er Jahren neue Maßstäbe
der Fernsehunterhaltung gesetzt. Der folgende „Comedy-Boom“
in der deutschsprachigen TV-Landschaft war eine Folgerichtigkeit.Viele
Programmverantwortliche, Autoren, Regisseure und Comedians
nahmen sich „Tohuwabohu“ bewusst oder unbewusst zum
Vorbild, was manchmal erfolgreiche, originelle und wertvolle
neue Formate hervorbrachte, manchmal jedoch auch in
einer Verflachung versank. Die Salonfähigkeit des hemmungslos
Skurrilen wurde nicht zuletzt im ORF, aber beispielsweise
auch in der Musikbranche weiter kultiviert, die Bild-
und Wortflut schneller Schnitte wurde mancherorts zum
Dogma erhoben. Das teilweise Brachiale und Anarchische
des TV-Tohuwabohus als konsequente Antwort auf eine
ebensolche und darüber hinaus orientierungsschwache
Welt markiert diese als ganz reales Tohuwabohu – eine
Sichtweise und Grundhaltung, die inzwischen fester Bestandteil
szeneverbundener und jugendkultureller Lebenseinstellung
ist. Undwenn die „Tohuwabohu“-Reihe wirklich einen nachhaltigen
Einfluss auf gesellschaftliche
Zusammenhänge genommen hat, so spiegelt sich dies auch
in ihrem Beitrag zur Entwicklung der Alltagssprache
der Menschen wider: Einige Textzeilen, Bemerkungen,
Dialogteile, Definitionen und sogar lediglich eingestreute
Wortfetzen, Zwischenrufe und Gesten aus „Tohuwabohu“
sind heute in der österreichischen und süddeutschen
Sprache zu weit verbreiteten Redewendungen, Sprichwörtern,
Parolen und „Standardschmähs“ geworden, wobei ihre Herkunft
freilich kontinuierlich in Vergessenheit gerät. Werden
jedoch Werkteile eines Autors und einer TV-Serie selbstverständliches
gesellschaftliches Allgemeingut, so wurde ganz offensichtlich
und definitiv alles richtig gemacht. In Bezug auf Helmut
Zenker und „Tohuwabohu“ kann dies mit Sicherheit gesagt
werden.
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